Der Fluch der Dunkelheit

Prologue

Im Jahre des Herrn 1620

„Hilf mir“, stöhnte der Mann zu seiner Rechten. Es war nicht mehr als ein Hauch, doch die Pein darin war deutlich spürbar. In der fensterlosen Finsternis klang es erschreckend nahe. So als würde der Mann direkt in sein Ohr hinein hauchen. Beinahe konnte er den Atem über seine Haut streichen spüren. Ich wünschte, ich könnte, dachte Vincenzo, aber ich kann mir ja nicht einmal selbst helfen.

Das Rasseln von Ketten klirrte laut von den nassen Steinwänden wieder. Breite, metallene Schellen um Hände und Füße hielten ihn aufrecht und gegen die nackte Steinwand gepresst. Das Metall schnitt mit jeder noch so kleinen Bewegung in seine wund gescheuerten Handgelenke. Immer wieder

spürte er, wie Blut tropfenweise in langen Bahnen seine Haut hinunter rann. Das Kitzeln zerrte an seinen Nerven, denn er konnte sich nicht kratzen oder die Tropfen fort wischen. Nach und nach entzog der kalte Stein an seinem Rücken seinem Körper jede Wärme. Saugte sie auf und verschlang sie wie ein hungriges Biest ein Stück Fleisch.

Die absolute Dunkelheit um ihn herum drückte auf Vincenzos Augen als wäre sie körperlich. Es machte keinen Unterschied, ob er sie nun öffnete oder geschlossen hielt. So oder so tanzten wirre Blitze und Formen vor ihnen umher. Sie gaukelten ihm Bewegung vor, erschienen in seinen Augenwinkeln und verschwanden wieder, sobald er in ihre Richtung blickte.

Längst hatte er jedes Zeitgefühl verloren. Ebenso wie jedes Gefühl der Entfernung. Er wusste, dass noch viele andere Leute mit ihm an diesem schrecklichen Ort gefangen gehalten wurden. Die rasselnden Ketten deuteten darauf hin, dass auch sie auf die Gleiche oder eine ähnliche Weise gefangen waren wie Vincenzo. Doch wie viele es waren oder gar wie weit sie von ihm entfernt waren, konnte er nicht sagen. Die Dunkelheit und das Echo spielten auch seinen Ohren Streiche. Gaben ihm manchmal das Gefühl, dass er Menschen jede Sekunde spüren musste. Manchmal, wenn ein Geräusch besonders dicht erklang, glaubte Vincenzo, dass er Wärme auf der Haut fühlen konnte. Dass die andere Person so nahe gekommen war und sie sich würden berühren müssen.

Doch es war alles nur Illusion. Hervorgerufen durch Panik und Verzweiflung. Durch die Unfähigkeit, irgendetwas zu tun, ohnmächtig zu sein. Und natürlich durch das Leid seiner Mitgefangenen. Ihre grauenvollen Schmerzensschreie, ihr Stöhnen und Wehklagen schien in seiner eigenen Brust widerzuhallen. Als könnten sie mit ihren Lauten seine Pein lindern.

Manchmal zerriss ein Geräusch die Finsternis, das sich unmöglich einer menschlichen Kehle entrungen haben konnte. Knurren und Zischen, kehliges Gurren und andere Laute, die eher nach tollwütigen Hunden klangen als nach Menschen.

Vincenzo wusste nicht, seit wann er hier war, es kümmerte ihn nicht.

Alles was er wollte, war nach Hause gehen.

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